Historischer Lebenslauf eines Dienstboten (Raum Dresden/Tharandt) (unvollständig)
Der Text schildert den Lebenslauf eines Mannes (mutmaßlich namens Vollmann), der als Sechsjähriger mit seinen Geschwistern nach Tharandt kam. Er wuchs bei seinen Großeltern in Altmeißig auf und arbeitete nach der Schulzeit ab 14 Jahren als Kuhjunge in Altmeißig und Zostewitz. Wegen einer schweren Erkrankung verbrachte er 21 Wochen im Stadtkrankenhaus in Dresden. Von 1800 bis 1810 arbeitete er als Bergmann beim Königlichen Kohlenbergwerk in Dahlen und lebte bei seiner verwitweten Mutter, die er finanziell unterstützte. Er entzog sich in dieser Zeit erfolgreich einem Zwangsdienst (Frondienst). Ab 1810 arbeitete er erneut als Knecht (in Cunnersdorf und Großdobritz) und anschließend drei Jahre als Diener bei einem Major von Long. 1815 wurde er zur Landwehr eingezogen, jedoch kurz darauf wegen eines beim Exerzieren erlittenen Blutsturzes wieder entlassen. Im selben Jahr heiratete er Christiane Johanne, zog mit ihr nach Laubegast und führte eine selbstständige Wirtschaft. Dort wurde der älteste Sohn (später Schneidergeselle) geboren. Später zog die Familie nach Dresden, wo er lange Zeit als Kutscher für verschiedene Herrschaften arbeitete. Die Ehe, aus der insgesamt drei Söhne hervorgingen, wurde vor acht Jahren geschieden.
Bemerkungen
Faktisch existiert in Sachsen jedoch weder historisch noch heute ein Ort mit dem exakten Namen „Altmeißig“. Folgende reale Orte sind als Vermutungen naheliegend: Altweißig (Dresden): Dies bezeichnet den alten Dorfkern von Weißig (heute Dresden-Schönfeld-Weißig). In historischen Schreibschriften sind die Buchstaben „m“ und „w“ oft kaum zu unterscheiden, da beide aus einer Reihe identischer Abstrich-Bögen bestehen. Dies ist die orthografisch plausibelste Erklärung. Weißig (bei Freital): Dieser heutige Stadtteil von Freital liegt geografisch unmittelbar neben Tharandt. (Zusätzliche Annahme: Das im Text erwähnte Königl. Kohlenbergwerk zu Dahlen ist fast sicher ein Lese- oder Schreibfehler für das historisch bedeutsame Königliche Steinkohlenwerk Döhlen in Freital). Ein Bezug zu diesem Weißig würde den geografischen Radius des Protagonisten schlüssig eingrenzen. Alt-Meißen: Eine alte Bezeichnung für den historischen Kern der Stadt Meißen. Dies ist aufgrund der ansonsten sehr lokalen Dresdner/Freitaler Bezüge jedoch weniger wahrscheinlich.
Transkription
[Seite 1 / Bild 1]
ihn sowohl als auch seine beiden Ge-
schwister mit sich genommen. Er sey
dazumal sechs Jahr gewesen, und
demnach bereits zu Tharandt in die
Schule gegangen.
Zu Altmeißig sey er nun
von seinen Großeltern ferner erzogen,
und zur Schule angehalten worden.
Nach seiner im 14ten Lebensalter
erfolgten Entlaßung von der Schule
zu Altmeißig habe er als Kuhjunge
bei dem Bauer Rumpelt in Altmeiß-
ßig zwei Jahre, darnach in Zostewitz
auf dem Vorwerke in Jahr ebenfalls
als Kuhjunge gedient.
Hier in diesem Dienste sey er
krank und in Folge deßen von seinem
Dienstherrn entlaßen ins Stadtkran-
kenhaus zu Dresden geschafft worden,
wo er auf Kosten desselben Verpfle-
gung erhalten habe.
Nachdem er hier 21. Wochen
krank gelegen sey, und alsdann seine
Wiedergenesung erhalten hätte, so sey
[Seite 2 / Bild 2]
er bei dem Königl. Kohlenberg-
werke zu Dahlen Bergmann
worden, und habe er hier von 1800.
bis ins Jahr 1810. als solcher gearbei-
tet, während dem aber seine Woh-
nung bei seiner Mutter gehabt,
welche als verwitwete Vollmann
zu Altmeißig auf dem Grundstücke
ihres zweiten verstorbenen Ehemanns
und die freie Herberge gehabt habe.
Er habe bei selbiger gewohnt,
geschlafen und gegeßen, indem er
zugleich von seinem Verdienste sie
nebst seiner Mutter als ein willig
er und Wahrhafter, unterstützt habe.
Während dieser Zeit sey ihm
auch der Zwangdienst auf dem Hofe
zu [unleserlich] angesonnen, jedoch von ihm
unter der Angabe zurückgewiesen
worden, daß er zu Altmeißig keine
Heimath habe, dahin überhaupt gar
nicht gehöre, in Folge deßen man
ihn auch damit verschont habe.
Hierauf im Jahre 1810. habe er
[Seite 3 / Bild 3]
die Bergarbeit wiederum aufgege-
ben, und sich in Diensten wiederum
begeben, und zwar zuvörderst auf
dem Hofe zu Cunnersdorf als
Knecht ein Jahr, als dann ein Jahr
bei dem Pastor in Großdobritz bei
Dresden, ebenfalls als Knecht;
hiernächst habe er drei Jahre bei ei-
nem Officier, dem Major von
Long, als Diener sich aufgehalten,
sey dann von diesem weg im Jahre
1815. zur Landwehr ausgehoben wor-
den.
Da er jedoch, beim Exerciren
^hier^ [über der Zeile eingefügt]
den Blutsturz erhalten: habe er
gleich seine Entlaßung von der Land-
wehr erhalten, worauf er sich mit einer
gewißen
Christiane Johanne aus [unleserlich]
bei Dresden
im Jahre 1815. verheirathet, und
mit selbiger sich nach Laubegast ge-
wendet, hier mit derselben sich ein-
gemiethet, und förmliche selbstständi-
[Seite 4 / Bild 4]
ge Wirthschaft getrieben, welche er
durch seinen Verdienst mit Tagelöhnern,
auch, ohne irgendwo in Dienstverhält-
nißen gestanden zu haben, unterhal-
ten habe.
Er habe nun drei Jahre in
Laubegast mit seiner Ehefrau gewohnt,
und sich aufgehalten, daselbst auch seinen
ältesten Sohn
Friedrich Vollmann,
Schneidergeselle,
erzeugt; darauf sey er wiederum
mit seiner Familie nach Dresden ge-
zogen, wo er bis vor zwei Jahren im-
merwährend als Kutscher bei ver-
schiedenen Herrschaften gedient, dabei
aber stets eine von der Herrschaft ge-
trennte Wohnung und Wirthschaft
mit seiner Familie gehabt habe.
Vor acht Jahren habe er sich auch
hier von seiner Ehefrau scheiden las-
sen, mit derselben aber in der Ehe im
Ganzen drei Söhne erzeugt, einen in
Laubegast, und zwei zu Dresden, welche